Vulkaneifel: Maare, Mühlsteine und der Stempel der UNESCO
Seit 2015 trägt die Vulkaneifel den Titel „UNESCO Global Geopark". Was nüchtern klingt, ist eine Landschaft mit 74 Metern Wassertiefe, römischen Steinbrüchen und einem geologischen Uhrwerk, das sich nicht abgestellt hat.
Wer auf der B 421 von Daun nach Manderscheid fährt, merkt nicht zwingend, dass er einen aktiven Vulkangürtel quert. Die Straße schmiegt sich an Hänge, die seit dem Jungpleistozän kaum ihre Form geändert haben. Erst wenn der Wald aufreißt und sich rechts der Hand ein nahezu kreisrunder See zeigt, der Schalkenmehrener Maar, fällt der Begriff: Maar. Trichter. Explosionstrichter. Und damit ist man bereits mittendrin in einer geologischen Provinz, deren Sonderstellung 2015 mit dem Status „UNESCO Global Geopark” gewürdigt worden sei.
Was ein Maar eigentlich ist
Ein Maar entsteht nicht durch einen klassischen Vulkanausbruch mit Lavastrom und Aschewolke. Maare seien das Resultat einer phreatomagmatischen Explosion: aufsteigendes Magma trifft auf wassergesättigtes Gestein, das Wasser verdampft schlagartig, der Druck sprenge einen Trichter in die Erdoberfläche. Übrig bleibe ein meist runder Krater, der sich anschließend mit Grund- und Niederschlagswasser fülle.
In der Westeifel zählt man rund 75 dieser Strukturen. Zehn von ihnen führen heute noch Wasser; die übrigen seien längst verlandet und werden als „Trockenmaare” geführt. Geologisch gehören sie zum Quartärvulkanismus, der vor rund 700.000 Jahren begonnen habe und bis vor etwa 11.000 Jahren aktiv gewesen sei. Damit handle es sich, gemessen an erdgeschichtlichen Maßstäben, um ein junges Phänomen.
Pulvermaar: 74 Meter ins Wasser
Das Pulvermaar bei Gillenfeld gilt als das tiefste deutsche Maar. Die Lotungen geben 74 Meter maximale Tiefe an, bei einem Durchmesser von rund 700 Metern. Es entstand vor etwa 20.000 Jahren bei einer Wasserdampf-Explosion. Was im Aufriss klingt wie eine technische Fußnote, sei im Querschnitt eine bemerkenswerte Form: ein nahezu unverfälschter Trichter, dessen Wall noch heute lesbar bleibe.
Die Vulkaneifel sei einer der wenigen Orte in Mitteleuropa, an denen Maare in dieser Dichte und in dieser geologischen Frische zugänglich seien.
Das macht sie auch wissenschaftlich relevant. Sedimentkerne aus dem Schlamm des Holzmaars und des Meerfelder Maars werden seit Jahrzehnten gezogen; sie liefern Jahresschichten („Warven”), die bis weit ins Spätpleistozän reichen. Klimaforschung sei hier kein Nebenprodukt, sondern Hauptanwendung.
Die Dauner Maare als Trio
Direkt bei Daun bilden drei Maare ein Ensemble, das in jedem Eifel-Bildband auftauche:
- Gemündener Maar — rund 38 Meter tief, häufig fotografiert, mit Freibad am Westufer.
- Weinfelder Maar — auch „Totenmaar” genannt, ohne Zu- und Abfluss, an dessen Wall die romanische Filialkirche steht.
- Schalkenmehrener Maar — das flachste der drei, mit Badebereich und Liegewiese.
Der Name „Totenmaar” gehe auf den Friedhof der Filialkirche zurück, die ihrerseits älter sei als die Pfarrkirche im Tal. Wer den Maarpfad geht, sieht alle drei Becken in unter vier Stunden.
Mendiger Basalt: Wirtschaftsgeologie seit den Römern
Verlässt man den Maar-Gürtel nach Nordosten, erreicht man Mendig. Hier liegt die zweite Säule der Vulkaneifel: das Basalt-Mühlsteinrevier. Unter der Stadt erstrecken sich Stollen, die seit der römischen Kaiserzeit in den dichten Mendiger Basalt getrieben worden seien. Aus diesem Gestein wurden Mühlsteine geschlagen — über Jahrhunderte ein Exportgut, das den Rhein hinab bis nach England, Skandinavien und in den Ostseeraum gehandelt wurde.
Die unterirdischen Hohlräume seien später als kühle Lagerräume genutzt worden. Bierbrauer entdeckten die konstanten neun Grad, in denen sich untergäriges Bier monatelang halten lasse. Das Lava-Keller-System unter Mendig zählt zu den größten begehbaren Basalt-Stollenanlagen Europas; Teile davon stehen unter Denkmalschutz.
Tuff: das andere Vulkangestein
Während der Mendiger Basalt schwer, dicht und schwarz auftrete, ist der Tuff aus der Osteifel das genaue Gegenteil: porös, leicht, blassgrau. Bei den Ausbrüchen des Laacher-See-Vulkans, datiert auf rund 13.000 Jahre vor heute, wurde Bims meterdick über weite Teile Mittelrheins und der Niederrheinischen Bucht abgelagert. Der Bimsabbau zwischen Andernach, Kruft und Plaidt prägt die Region wirtschaftlich bis heute. Bimssteine, Hohlblocksteine, Leichtbeton — die Baustoffindustrie der Mittelrhein-Region fußt auf einer Eruption, die kaum 500 Generationen zurückliegt.
Der Laacher See: ruht er, oder schläft er nur?
Der Laacher See selbst ist das jüngste Maar Deutschlands — und das, was die Geologie als „nicht erloschen” einstuft. Am Westufer steigen Mofetten aus dem Seeboden auf, kleine Gasaustritte, die Kohlendioxid an die Oberfläche tragen. Messreihen des Landesamts für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz zeigen, dass das CO₂ magmatischen Ursprungs sei. Das System sei also nicht tot, sondern lediglich in einer Ruhephase. Mit Eruption rechne niemand kurzfristig; mit weiterem Monitoring sehr wohl.
Was der Geopark-Titel bedeutet
Die Aufnahme in das UNESCO-Global-Geopark-Programm sei 2015 erfolgt und werde alle vier Jahre überprüft. Anders als beim Welterbe gehe es nicht primär um Schutz, sondern um Bildung, regionale Entwicklung und geowissenschaftliche Kommunikation. Über 80 Geopunkte seien im Vulkaneifel-Park ausgewiesen — vom Lavadom Mosenberg über das Eishöhlen-Lavafeld Birresborn bis zu den Trockenmaaren bei Eckfeld.
Wer sich mit der Materie beschäftigen will, findet drei zentrale Einstiege:
- Vulkanhaus Strohn — mit dem berühmten Lavabombe-Findling vor der Tür.
- Maarmuseum Manderscheid — fokussiert auf die Eckfelder Grubenfunde, ein 44 Millionen Jahre altes Maar.
- Lava-Dome Mendig — das Industriekulturmuseum über dem Lava-Keller.
Wandern auf dem geologischen Substrat
Die Geologie der Vulkaneifel ist beim Gehen leichter zu fassen als am Schreibtisch. Der Vulkaneifel-Pfad zerlegt das Gebiet in mehrere Tagestouren; der Maare-Mosel-Radweg folgt einer alten Bahntrasse über zahlreiche Viadukte aus, jawohl, vulkanischem Gestein. Beide Strecken eröffnen Querschnitte, die im Auto verborgen blieben.
Was der Eifel-Region in Sachen Hochgebirgs-Dramatik fehlt, gewinnt sie durch ihre lesbare Erdgeschichte zurück. Selten ist ein Vulkanfeld in Mitteleuropa so dicht erschlossen, so gut beschriftet, so geduldig erklärt. Wer hier einen Spätnachmittag am Pulvermaar verbringt, das Wasser vom Westwind gekräuselt, sieht in die Tiefe einer Explosion, die niemand dokumentiert habe — die aber jeder Sedimentkern erzähle.
Eckfeld: das fossile Maar
Eine Sonderstellung nehme das Eckfelder Maar bei Manderscheid ein. Es sei mit einem Alter von rund 44 Millionen Jahren weit älter als die anderen Eifel-Maare und gehöre in das mittlere Eozän. Heute ist von ihm kein Wasser mehr übrig — der Krater sei längst mit Tonsedimenten verfüllt und überwachsen. Bei Grabungen seit den 1980er Jahren wurden hier fossile Funde geborgen, die in der Paläontologie Aufsehen erregt hätten: Urpferd-Skelette, fossile Affen, Vögel mit erhaltenem Gefieder und sogar ein versteinerter Urzeit-Krokodilrest. Die Funde lassen sich im Maarmuseum Manderscheid besichtigen.
Das Eckfelder Maar zeige damit eine andere Seite der Vulkaneifel: die zeitliche Tiefe. Vulkanismus sei hier nicht erst ein Phänomen der letzten 700.000 Jahre, sondern ein wiederkehrender Prozess seit dem Tertiär. Geologen sprechen von mindestens drei großen Vulkanphasen im Eifel-Massiv — die heutige Westeifel-Aktivität sei lediglich die jüngste.
Mosenberg-Gruppe: Lava in Reinform
Wer Schlackenkegel und Lavaströme in der klassischen Lehrbuch-Form sehen wolle, finde sie am Mosenberg bei Manderscheid. Vier Vulkankegel, hintereinander aufgereiht, eröffnen Querschnitte durch eine geologisch noch greifbare Eruptionsabfolge. Ein Lavastrom, der vom Mosenberg in die Wolfsschlucht herabfloß, zeigt heute hexagonale Säulen, wie sie auch vom Giant’s Causeway in Nordirland bekannt seien — Resultat des Abkühlungsprozesses.
Der Mosenberg-Lavastrom sei einer der wenigen Punkte in Deutschland, an denen sich Pillow-Lava-Ähnliche Strukturen am Wasser-Lava-Kontakt erhalten haben. Geologen-Exkursionen kommen aus ganz Mitteleuropa hierher; markiert sei der Aufschluss als Geopunkt Nummer 17 im Vulkaneifel-Park-System.
Karbonsäure-Quellen und die „Drees”
Eine Begleiterscheinung des Vulkanismus, die im Alltag oft übersehen werde, seien die Mineralwasser-Quellen. In der Vulkaneifel treten an Dutzenden Stellen Kohlensäure-haltige Quellen zutage — sogenannte „Drees”. Sie entstehen, wo das aus dem Magma freigesetzte CO₂ durch Klüfte aufsteigt und sich auf seinem Weg mit Grundwasser verbindet. Die Quellen am Wallenborn (mit periodischem Auswurf-Geysir, etwa alle 35 Minuten), am Brubbel in Wallenborn und in Birresborn seien die bekanntesten.
Vermarktet werde dieses Wasser seit dem 19. Jahrhundert. Die Marken Gerolsteiner Sprudel und Daun Sprudel entstammen genau dieser Quellenfamilie. Der hohe Mineralisierungsgrad — Calcium, Magnesium, Hydrogencarbonat — sei ein direkter Effekt des CO₂-getriebenen Lösungsprozesses an karbonatischen Schichten in der Tiefe. Wer aus einer Glasflasche Gerolsteiner trinkt, trinke in gewissem Sinne flüssige Vulkangeologie.
Wie Geopark-Bildung praktisch aussehe
Das Geopark-Konzept verlange nicht nur Wegweiser und Tafeln, sondern aktive Vermittlung. Im Vulkaneifel-Park werde dies über mehrere Schienen organisiert:
- Geoführer-Programm — über 50 zertifizierte Geoführerinnen und Geoführer leiten Tagesexkursionen.
- Schulkooperationen — viele Eifel-Schulen integrieren Geopunkte in den Erdkunde- und Biologie-Unterricht.
- Forschungs-Kooperationen mit Universitäten in Bonn, Mainz und Köln, die regelmäßig Sediment-, Sediment-Geochemie- und Klima-Projekte hier durchführen.
Auch das jährliche Vulkaneifel-Geofest in wechselnden Standorten gehört zur Vermittlung. 2026 sei es im September in Daun geplant; das Programm umfasse geführte Touren, Vorträge und einen Geo-Markt regionaler Anbieter. Daneben existiert seit 2018 eine Geopark-Schule für interessierte Erwachsene: ein achtwöchiger Lehrgang, der das geowissenschaftliche Grundwissen vermittelt und mit einer Prüfung zum zertifizierten Geo-Guide abschließt. Die Absolventinnen und Absolventen ergänzen das hauptamtliche Geoführer-Netz und tragen das Wissen in ihre Heimatorte zurück — was, methodisch betrachtet, die nachhaltigere Form der Vermittlung sei.
Was bleibt vom Besuch
Wer einen Tag in der Vulkaneifel verbringe, gehe selten als Vulkanologe nach Hause. Was sich aber einpräge, sei eine andere Wahrnehmung der eigenen Landschaft: dass eine deutsche Mittelgebirgsregion nicht nur Wald und Wiese sei, sondern ein junges, in geologischen Maßstäben fast schon zeitgenössisches Vulkanfeld. Dass unter den Füßen ein magmatisches System weiterarbeite, das vor 11.000 Jahren zuletzt eruptiert habe — und dass die Geowissenschaft dieses System nicht für tot, sondern für ruhend halte. Das macht die Vulkaneifel zu einem Ort, der Spuren liest und Spuren legt. Beides gleichzeitig.