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← Magazin 08. Mai 2026
Natur · 15 min

Nationalpark Eifel: 110 km², Buchenwald-Welterbe und die unsichtbare Wildkatze

Seit Januar 2004 ist der Nationalpark Eifel der erste — und bis heute einzige — Nationalpark Nordrhein-Westfalens. Was sich auf 110 Quadratkilometern seither verändert habe, lässt sich am Buchenwald-Welterbe und am Wildkatzen-Walkway lesen.

Am 1. Januar 2004 trat die Verordnung in Kraft, die ein 110 Quadratkilometer großes Gebiet im Süden Nordrhein-Westfalens zum Nationalpark erklärte. Es war damit der erste — und über zwei Jahrzehnte hinweg blieb es der einzige — Nationalpark des Landes. Träger sei das Land NRW selbst, vertreten durch das Landesbetrieb Wald und Holz; das Gebiet umfasst Teile des ehemaligen Truppenübungsplatzes Vogelsang, große Forstflächen am Kermeter und das Dreiborner Hochplateau.

Was die Nationalpark-Kategorie heißt

Der Nationalpark Eifel werde, in der internationalen IUCN-Kategorisierung, als „Kategorie-II-Gebiet” geführt. Das bedeute in der Praxis, dass auf mindestens 75 Prozent der Fläche „Prozessschutz” gelte — also keine forstliche Bewirtschaftung, kein Wegebau, kein Wildmanagement außer notwendiger Verkehrssicherung und Seuchenprävention. Das Ziel: eine Landschaftsentwicklung, in der natürliche Prozesse dominieren.

Stand 2024, also im 20. Jahr des Bestehens, sei dieser Anteil planungsgemäß überschritten. Die noch verbliebenen Wirtschaftsflächen — vor allem die ursprünglichen Fichten-Monokulturen — werden über einen Umbauplan zu Buchenmischwäldern zurückgeführt, der bis 2034 abgeschlossen sein solle.

Buchenwald-Welterbe seit 2017

Im Juli 2017 wurden Teile des Nationalparks Eifel — konkret die Kernzone im Buchenwald-Areal Kermeter — in die UNESCO-Welterbestätte „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas” aufgenommen. Es handelte sich um die Erweiterung eines bereits 2007 (Karpaten) und 2011 (deutsche Standorte Hainich, Kellerwald, Müritz, Jasmund, Grumsin) etablierten transnationalen Welterbes. Mit der Erweiterung 2017 zählen heute Gebiete in 18 Ländern dazu.

Die Eifel sei aufgenommen worden, weil sich hier auf saurem Schiefer-Boden eine charakteristische Buchenwald-Gesellschaft erhalten habe, die in Mitteleuropa ihresgleichen sucht. Hainsimsen-Buchenwald, Waldmeister-Buchenwald, in höheren Lagen Mischformen mit Stieleiche — die UNESCO-Begründung verweist auf die ökologische Repräsentativität des Bestands.

Buchenwald-Welterbe bedeutet nicht „besonders alt”, sondern „besonders typisch und besonders ungestört”.

Wer das verstehen wolle, gehe den Wilden Weg am Kermeter: 1,5 Kilometer Bohlenpfad durch einen Bestand, der seit über 60 Jahren forstlich nicht angefasst worden sei. Was dabei auffalle, sei nicht die Größe der einzelnen Bäume — Buchen werden selten so monumental wie alte Eichen —, sondern das Totholz. Liegendes, stehendes, in allen Zersetzungsstadien. In intensiv bewirtschafteten Wäldern werde Totholz routinemäßig entfernt; im Welterbe-Bereich bleibe es.

Die Wildkatze: ein Wiederbesiedlungs-Projekt

Mit Gründung des Nationalparks 2004 begann ein Monitoring-Programm zur Europäischen Wildkatze (Felis silvestris silvestris). Diese sei nicht zu verwechseln mit verwilderten Hauskatzen oder mit Wildkatzen-Hybriden — sie sei eine eigenständige Art, die in Deutschland nach Jahrzehnten als nahezu ausgerottet galt. Reliktbestände hätten sich im Hunsrück, im Solling und vereinzelt in der Eifel gehalten.

Im Nationalparkgebiet werde die Wildkatze seit 2004 systematisch beobachtet. Methode: Lockstöcke mit Baldrian, an denen die Tiere sich reiben; Haare bleiben in den Vorrichtungen hängen und werden genetisch ausgewertet. Aus den so gewonnenen Daten habe sich ein Bestandsbild ergeben:

  • Schätzwerte 2004: rund 20 bis 30 erwachsene Tiere im weiteren Eifel-Raum.
  • Schätzwerte 2024: nach zwei Jahrzehnten ungestörter Entwicklung 400 bis 500 erwachsene Tiere in der Eifel insgesamt; davon rund 100 im Nationalpark-Gebiet selbst.

Die Zahlen seien Hochrechnungen aus Genotypisierungen, nicht direkte Zählungen. Aber die Tendenz sei unstrittig: die Eifel sei heute eines der wichtigsten Wildkatzen-Verbreitungsgebiete Mitteleuropas.

Der Wildkatzen-Walkway in Heimbach-Düttling

Wer eine Wildkatze in freier Wildbahn sehen wolle, wird in 19 von 20 Fällen enttäuscht — die Tiere seien dämmerungs- und nachtaktiv, ihr Territorium messe 200 bis 1000 Hektar, sie meiden Menschen konsequent. Genau deswegen sei der Wildkatzen-Walkway bei Heimbach-Düttling eingerichtet worden: ein etwa zwei Kilometer langer Schaupfad, der durch ein Gehege führt, in dem mehrere Wildkatzen leben.

Der Walkway sei seit 2017 für Besucher geöffnet. Tafeln entlang des Weges erklären die Biologie der Tiere, ihre Unterscheidung zur Hauskatze und das Monitoring-Verfahren. Wer mit etwas Geduld zu den Fütterungszeiten komme, sehe — sofern die Tiere mitspielten — eine adulte Wildkatze in maximal 15 Meter Distanz. Das sei keine Wildbeobachtung; aber es sei die einzige verlässliche Möglichkeit, der Art ins Gesicht zu sehen.

Vogelsang IP: vom Truppenübungsplatz zum Besucherzentrum

Die Geschichte des Geländes sei verworren. Auf dem Dreiborner Hochplateau errichteten die Nationalsozialisten ab 1934 die NS-Ordensburg Vogelsang als Ausbildungsstätte. Nach 1945 nutzten zunächst belgische Streitkräfte das Areal als Truppenübungsplatz; die Bundeswehr und die NATO setzten dies bis 2005 fort. Mit dem Abzug der belgischen Streitkräfte 2005 ging die Fläche an den Nationalpark über.

Heute beherbergt der Bau Vogelsang IP („Internationaler Platz”) das Forum Vogelsang mit Dauer- und Wechselausstellungen — sowohl zur NS-Geschichte als auch zur Naturentwicklung des Plateaus. Die Verbindung sei nicht zufällig: die jahrzehntelange militärische Sperrung habe paradoxerweise zu einer ungestörten ökologischen Entwicklung beigetragen. Heideflächen, Magerrasen und Buchenwald-Sukzession seien hier in einer Ausprägung erhalten, die in zivil genutzten Landschaften längst verschwunden sei.

Die anderen Bewohner

Wildkatze und Buche dominieren die Erzählung — aber sie sind nicht allein. Im Nationalpark Eifel leben unter anderem:

  • Schwarzstorch — sieben bis neun Brutpaare im aktuellen Bestand.
  • Biber — wieder etabliert seit 2005, mit Hauptverbreitung am Urftsee-Zufluss.
  • Mittelspecht und Schwarzspecht — beide in zunehmenden Beständen.
  • Wildkatze — siehe oben.
  • Narzissenwiesen — im April im Perlenbachtal eines der größten zusammenhängenden Wildvorkommen Mitteleuropas.

Die Narzissenblüte zwischen Monschau und Perlenbach Mitte April ziehe regelmäßig mehrere Zehntausend Besucher; die Park-Verwaltung steuere die Wege mit temporären Sperrungen, um die Wiesen zu schützen.

Zwei Jahrzehnte Bilanz

Zwanzig Jahre Nationalpark — was bringen sie? Ein paar konkrete Zahlen: rund 900.000 Besucher jährlich (Stand 2024), rund 2,3 Millionen Euro jährliches Park-Budget aus Landesmitteln, rund 80 Beschäftigte in der Parkverwaltung, dazu eine deutlich größere Zahl von Saisonkräften, Park-Rangern und Ehrenamtlichen.

Wirtschaftlich werde der Park als Standortfaktor anerkannt; die touristischen Übernachtungszahlen in den anliegenden Gemeinden Monschau, Schleiden, Heimbach und Hellenthal hätten seit 2004 zugenommen, auch wenn die exakte Zurechnung methodisch schwierig sei. Ökologisch sei die wichtigste Veränderung weniger spektakulär als erwartet: keine dramatische Erholung einzelner Arten, sondern eine schrittweise Verschiebung in Richtung „naturnah”. Buchenwald-Anteile steigen, Fichtenforste schrumpfen, Totholz nimmt zu, Wegebau nimmt ab.

Wer den Nationalpark Eifel verstehen wolle, gehe nicht den einen großen Rundweg, sondern verteile drei Tage über das Gebiet: einen Tag im Kermeter-Buchenwald, einen Tag auf dem Dreiborner Hochplateau, einen Tag im Perlenbachtal. So zeige sich, dass ein Nationalpark keine einheitliche Landschaft sei, sondern ein Mosaik von Sukzessionsstadien — und dass die Wildkatze, die niemand zu Gesicht bekomme, trotzdem das Tier sei, das die ganze Erzählung trage.

Die Junior-Ranger und die Bildungsarbeit

Über die letzten zwanzig Jahre habe sich neben dem ökologischen Programm eine umfangreiche Bildungsarbeit etabliert. Das Junior-Ranger-Programm binde rund 250 Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Gemeinden jährlich in mehrjährige Ausbildungs-Programme ein: Geländearbeit, Monitoring-Unterstützung, Öffentlichkeits-Arbeit. Die Junior-Ranger seien an ihren grünen Funktions-T-Shirts erkennbar und übernehmen — unter Aufsicht — Aufgaben bei Park-Veranstaltungen.

Parallel laufen mehrere Schulkooperationen. Mehr als 60 Schulen aus dem Umfeld hätten Mehrjahres-Kooperationen mit dem Park geschlossen; thematische Schwerpunkte reichen von Forst- und Waldwirtschaft über Ornithologie bis zu Welterbe-Vermittlung. Im Bereich Erwachsenenbildung biete das Forum Vogelsang Wochenend-Programme an, die Naturkunde und politisch-historische Bildung kombinieren.

Der Urftsee und die Wasserwirtschaft

Mitten im Park liegt der Urftsee, ein 1905 fertiggestelltes Speicherwasser-Reservoir der Talsperre Urft. Der See gehört nicht zum Naturschutzgebiet im engeren Sinne, sondern werde weiterhin als Trinkwasser-Reserve und zur Stromerzeugung genutzt. Sein Wasserstand schwankt jahreszeitlich deutlich; in trockenen Sommern werden über mehrere Meter Pegelabsenkung sichtbar, die Uferlinie tritt entsprechend zurück.

Ökologisch sei der See ein interessantes Gegenbild zum umliegenden Buchenwald: nährstoffarm, sauer, mit einer eigenen, an die Bedingungen angepassten Fauna. Schwarzstörche jagten am Ufer, Eisvögel brüten an den nachfolgenden Bachläufen, im Winter rasten gelegentlich Gänsesäger-Gruppen auf dem offenen Wasser. Die Rurseebahn, eine touristische Schmalspurbahn, verbinde mehrere Anlegestellen — sie sei eine der wenigen motorisierten Verkehrsoptionen innerhalb der Park-Grenzen und gehöre zu den meist genutzten Besucher-Angeboten.

Forschungs-Infrastruktur

Hinter dem touristischen Bild stehe eine bemerkenswerte Forschungs-Infrastruktur. Der Nationalpark Eifel sei seit 2008 Long-Term-Ecological-Research-Site (LTER) im Verbund des deutschen LTER-Netzwerks. Dauerbeobachtungs-Flächen für Vegetation, Vögel, Insekten, Mykorrhiza-Pilze und Bodenfauna seien eingerichtet; die Datenreihen reichen je nach Untersuchungs-Typ über 15 bis 20 Jahre.

Was sich aus diesen Datenreihen ablesen lasse, sei nicht spektakulär, aber methodisch wichtig:

  • Buchen-Verjüngung habe in den prozessgeschützten Flächen deutlich zugenommen.
  • Fichten-Anteile seien — auch borkenkäfer-bedingt — stark zurückgegangen.
  • Insektenmasse habe sich, anders als in der landwirtschaftlich genutzten Umgebung, stabilisiert oder leicht erholt.
  • Vogel-Brut-Bestände zeigten gemischte Trends: Waldspezialisten profitieren, Offenland-Arten gehen zurück.

Diese Befunde fließen in den nationalen Naturschutz-Monitoring-Bericht ein und werden von verschiedenen Forschungs-Einrichtungen — vor allem dem Senckenberg-Institut und der TU Dresden — ausgewertet.

Konflikte: Borkenkäfer, Klimawandel, Besucherdruck

Auch ein Nationalpark sei nicht konfliktfrei. Drei Themen prägen die park-interne Diskussion der vergangenen Jahre:

Borkenkäfer-Befall habe seit dem Dürre-Jahr 2018 in den verbliebenen Fichten-Beständen massive Schäden verursacht. Die Frage, ob abgestorbene Bäume in Pufferzonen entlang von Forstwegen sicherheitsbedingt entnommen werden sollten, sei zwischen Naturschutz-Verbänden und der Park-Verwaltung kontrovers diskutiert worden. Konsens-Lösung: schmaler Sicherheitsstreifen entlang öffentlich befahrbarer Wege wird beräumt, der Rest bleibt stehen.

Klimawandel wirke sich auf die Buchen-Bestände unmittelbar aus. Trocken-Sommer in Folge — 2018, 2019, 2020, 2022, 2023 — hätten zu erhöhter Buchen-Sterblichkeit geführt, vor allem in den oberen Stammbereichen. Die langfristige Entwicklung des Buchenwald-Welterbes sei wissenschaftlich aktiv diskutiert.

Besucherdruck sei ein Problem nicht generell, sondern punktuell. Die Hot-Spots — Wilder Weg, Vogelsang, Narzissenwiesen, Rursee — verzeichnen an Wochenend-Spitzen Besucher-Aufkommen, das die Wege belastet. Die Park-Verwaltung steuere mit Wegeschluss, mit Bus-Shuttle-Konzepten und mit aktiver Besucher-Lenkung an bestimmten Punkten.

Was den Park von einem Naturpark unterscheidet

Nationalpark und Naturpark werden oft verwechselt. Der Nationalpark Eifel sei nach strengeren Kriterien geschützt als die umliegenden Naturparke Nordeifel, Südeifel und Hohes Venn-Eifel. Wo im Naturpark forstliche Bewirtschaftung, Landwirtschaft und Tourismus weitgehend gleichberechtigt nebeneinander stehen, dominiere im Nationalpark der Vorrang des Naturschutzes. Wege seien festgelegt, Wildcampen verboten, Sammeln von Beeren und Pilzen nur im Übergangsbereich erlaubt, im Kernbereich gar nicht. Hunde müssen ganzjährig an der Leine geführt werden.

Diese Strenge sei nicht jeder Besucher-Erwartung entgegen-kommend. Aber sie sei die Voraussetzung dafür, dass das Schutzgebiet seine ökologische Funktion erfüllen könne.

Bilanz für Mai 2026

Im 22. Jahr seines Bestehens sei der Nationalpark Eifel kein Versuchs-Ballon mehr, sondern eine etablierte Größe der deutschen Schutzgebiets-Landschaft. Die ursprünglichen Ziele — Buchenwald-Wiederherstellung, Wildkatze-Stabilisierung, Bildungs-Anker für die Region — seien weitgehend erreicht. Die Themen der nächsten Jahre seien andere: Klimawandel-Anpassung der Buchenwälder, Erweiterung der Welterbe-Flächen, Integration in einen länderübergreifenden Schutzgebiets-Verbund mit dem belgischen Hohen Venn.

Wer im Mai 2026 zwischen Heimbach und Monschau spaziere, gehe durch ein Stück Mitteleuropa, das vor 22 Jahren noch deutlich anders aussah. Der Wald sei vielfältiger geworden, der Wildbestand stabiler, der Himmel — siehe Sternenpark — dunkler. Nicht jede dieser Veränderungen sei dem Park allein zuzuschreiben. Aber er bilde, sehr greifbar, einen Beleg dafür, dass aktiv geschützte Landschaften mehr werden können als ihre Ausgangslage versprochen habe.


Ressort: Natur